Finanzierung des Schienennetzes: Tricks sind keine Lösung
1976 stand der Bund vor einem Dilemma: Die weitgehend einspurigen Zufahrtsstrecken zum Lötschbergscheiteltunnel der BLS sollten ausgebaut werden. Als nationale Strecke hätte die Finanzierung wie bei SBB-Strecken über verzinsliche und rückzahlbare Darlehen erfolgen sollen. Die BLS war jedoch nicht in der Lage, den Ausbau finanziell zu verkraften. Um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen, fand der Bund eine kreative Lösung und gewährte 1976 der BLS einen Baukredit von 620 Mio. Franken. Die Zinsen wurden aktiviert, d.h. zum Baukredit geschlagen. Die definitive Finanzierung des Ausbaus wollte der Bundesrat klären, sobald der Ausbau abgeschlossen war. Mit der Inbetriebnahme der Doppelspur 1992 war noch keine Lösung in Sicht und die Zinsen wurden weitere 15 Jahre zum Baukredit aufaddiert. 2007 wurde der Baukredit, der mittlerweile auf 798 Mio. Franken gewachsen war, in ein unverzinsliches und bedingt rückzahlbares Darlehen umgewandelt. Es musste schon im Jahr 1976 klar gewesen sein, dass die BLS den Baukredit weder verzinsen noch zurückzahlen kann. Mit kreativen Lösungen wurden die Anpassungen an der Finanzierung der Bahninfrastruktur hinausgezögert. Seit 2004 werden in der Schweiz alle Bahnausbauten über unverzinsliche und nicht rückzahlbare Darlehen finanziert.
Deutschland kennt eine projektspezifische Finanzierung der Ausbauprojekte. Es werden nicht-rückzahlbare Baukostenzuschüsse für Neu- und Ausbauten geleistet. Die Deutsche Bahn muss bei jeder Baumassnahme einen Teil der Investitionen aus eigenen Mittel bestreiten. 2012 wurde der ‘Finanzierungskreislauf Schiene’erfunden. Der Bund verpflichtete sich, die von der Deutschen Bahn bezahlten Dividenden als Investitionsbeiträge in das Schienennetz zurückfliessen zu lassen. 2024 wurden Eigenkapitalerhöhungen des Bundes bei der Deutschen Bahn zur Finanzierung des Bahnnetzes eingesetzt. Das höhere Aktienkapital muss verzinst werden (was zu höheren Trassenpreisen führt – eine andere spannende Geschichte), fliesst als Dividende an den Bund und über den Finanzierungskreislauf Schiene zurück ins Bahnnetz - eine Lösung, welche die kreative Finanzierung des Lötschberg-Doppelspurausbaus noch übertrifft.
Die ganze Geschichte zur Finanzierung der Bahninfrastruktur in der Schweiz findet sich im Buch ‘Die Schweiz fährt vor’, welches am 9. März 2026 im NZZ-Libro-Verlag erscheint.
Bild: © BLS