Eisenbahn als Business
Die britischen Bahnen werden in Kontinental-Europa vielfach belächelt: Eine gescheiterte Staatsbahn, eine gescheiterte Privatisierung und seitdem wird ein tragfähiges Bahnmodell zwischen Wettbewerb und Verstaatlichung gesucht.
George Muir gibt uns einen Einblick in die wechselvolle Geschichte von British Rail von der Verstaatlichung im Jahr 1948 bis zur Privatisierung von 1996. Er wählt einen besonderen Ansatz: Er beschreibt den Einfluss der Verantwortlichen auf die Organisation der Bahn. Im Zentrum steht, wie der Titel des Buches vermuten lässt, Sir Bob Reid, der von 1985 bis 1990 CEO und anschliessend bis 1995 Chairman von British Rail war. Das Credo des Buches kann mit folgendem Zitat zusammengefasst werden: 'The old railway dominanted by professions had to go. The focus hat to be on customers, what they wanted and what they would pay for. It had to be a business-led railway, organised according to lines of business.'
Die Verbindung von persönlichen Entwicklungen, welche in vielen Zitaten wiedergegeben wird, mit der technischen und organisatorischen Entwicklung einer Bahn macht das Buch leicht lesbar. Im Zentrum steht, wie sich British Rail unter dem Einfluss der Führungskräfte und im Kampf gegen die Gewerkschaften gewandelt hat und die starren Strukturen aufgebrochen wurden. Der Autor, George Muir, erweist sich als guter Kenner des Bahnsystems und er bringt die grossen Fragestellung bei der Führung einer Bahn auf den Punkt: Organisiert nach technischen Kriterien oder ausgerichtet auf die Kunden? Wieviel wird zentral oder dezentral geführt? Vertikale oder horizontale Trennung?
George Muir, der selber als Führungskraft tätig war, weist zwar auf die Schwächen einer allzu starken Business-Orientierung hin, welche zu tragischen Unfallserien führten und das britische Bahnsystem nachhaltig prägten. Insgesamt überhöht er die Effizienz und Qualität von British Rail in den 1990er Jahren.
Für Leserinnen und Leser, welche im kontinentaleuropäischen Staatsbahnsystem verankert sind, ergeben sich spannende Einblicke, wie eine Bahn unternehmerisch und mit beschränkten Subventionen geführt werden kann. Für kritische Leserinnen und Leser wird das Buch dadurch zum Erlebnis.